Blog

Interview mit Christian Freissler

Grenzen überwinden und den eigenen Weg im Leben finden. Das ist wohl so ziemlich Jedermanns Traum. Besonders Designer haben auf Grund ihrer Berufung ein inneres Verlangen ihren Horizont zu erweitern. Christian Freissler, Mitgründer der Design-Agentur/ des Beratungsdienstleisters Evolve Collaborative in Portland, hat sich genau diesen Wunsch erfüllt. Vom Design-Student aus Schwäbisch Gmünd zum Professor und Agenturleiter in den USA.
Viel Spaß beim 10-Fragen Interview über die Gemeinsamkeiten von europäischen und amerikanischen Studenten, den Weg in die USA und dem Willen etwas Eigenes zu schaffen.

holger-oehrlich-tireless-designer

1. Hi Christian. Kannst du kurz zusammenfassen was du zur Zeit als Designer tust und wer du bist? Wer zählt zu euren Kunden und was ist deine Aufgabe?

Seit 2014 bin ich einer der Gründer/Partner von Evolve Collaborative. Wir sind eine Innovations-, und Design Agentur, die auf eine enge Kollaboration mit unseren Kunden Wert legt. Wir arbeiten mit etablierten Firmen und StartUps zusammen und entwickeln dabei Lösungen die Marken und Menschen über Produkte miteinander verbinden. Zu unseren Partnern gehören unter anderen z.B. Nike, Bellroy und Providence (ein großer Gesundheitsdienstleister im Westen Amerikas).
Ursprünglich zog ich 2006 in die USA um als Senior Designer für Ziba Design in Portland, Oregon zu arbeiten. Dabei habe ich mich in das Leben und die Stimmung hier an der Westküste verliebt. Ausserdem lebe ich gerne in der Nähe der Küste. Nach 10 Jahren auf dieser Seite des Teiches, betreibe ich meine eigene Agentur und unterrichte zusätzlich Produkt-Design an verschiedenen Universitäten in Oregon und Kalifornien.

2.Wenn du zurück schaust, in deine Studienzeit… hattest du schon damals den Plan auszuwandern und in den USA als Industrie Designer zu Arbeiten, oder hattest du damals ganz andere Pläne? Was war denn dein erster Schritt nach dem Abschluss und wie kam es, dass du in Portland gelandet bist?

Die Story von Hartmut Esslinger weckte damals erstmals mein Interesse an einem Praktikum in den USA. Ich erinnere mich daran, eine Dokumentation im SWR Fernsehen gesehen zu haben, noch bevor ich überhaupt angefangen habe in Schwäbisch Gmünd zu studieren. Das war vielleicht sogar einer der Gründe warum ich überhaupt zum Design kam. Als es dann darum ging ein Praktikum zu absolvieren, habe ich mich bei allen großen Agenturen an der Westküste beworben. Eines der Büros die mich eingeladen haben, war Ziba Design. Es war damals ziemlich einfach ein J1 Visum zu bekommen (das ist auch heute noch so), so war ich ein paar Monate später schon auf dem Weg nach Portland.
An der Westküste zu leben und zu arbeiten hat den Wunsch geweckt nach dem Abschluss wiederzukommen. Selbst wenn die Leute hier die meiste Zeit über sehr hart arbeiten und wenig Urlaub machen, gibt es im Westen der USA eine andere Einstellung Leben und Arbeit miteinander zu verbinden. Es hat einfach „Klick“ gemacht. Daher habe ich nach meiner Rückkehr einfach bei der Green Card Lottery mitgemacht, und fand mich im Sommer 2006 plötzlich im Flugzeug nach Portland wieder. Das werde ich niemals vergessen, denn dadurch verpasste ich das Fußball Weltmeisterschafts-Spiel zwischen Deutschland und Argentinien. 😉

3. Es gibt unzählige Jungdesigner in Europa die davon träumen in den USA zu arbeiten. Was glaubst du ist der Grund dafür?

Amerikanischen Großstädte sind die kreative Zentren unserer Branche. Es passiert unglaublich viel hier. Und es gibt nicht viele Orte auf der Welt an denen man so einfach von einer Agentur zu einem StartUp, weiter zu einem grossen Betrieb und wieder zurück in eine Consultancy springen kann. Besonders die Westküste und die Bay Area bietet jungen Talenten die Möglichkeit zu experimentieren, und ihre Leidenschaft spielerisch zu finden.
Seit meinem Praktikum hatten die Vereinigten Staaten eine gewisse Faszination für mich. Der Mix aus unglaublicher Natur, interessanten Leuten und beruflichen Möglichkeiten ist einzigartig. Es fühlt sich noch immer wie ein endloser Urlaub an.

4. Als Professor für Industrie Design an der Universität Oregon unterhältst du dich sicher oft mit Studenten. Sind amerikanische Studenten genau so interessiert daran in Europa zu arbeiten, wie europäische Studenten es sind in die USA zu gehen?

Natürlich. Ich glaube die andere Seite interessiert uns immer mehr als die Eigene. Besonders als Designer wollen alles über andere Leute, Länder und Kulturen erfahren. Das ist es was uns inspiriert und immer weiter antreibt. Also ja, viele von ihnen würden unheimlich gerne diesen Schritt machen. Die San Jose State Universität bietet ein ziemlich gutes Austauschprogramm mit europäischen Schulen an und ich ermutige jeden meiner Studenten davon Gebrauch zu machen.

5. Hast du einen Tipp für Design-Studenten und junge Designer, die sich auf ein Praktikum oder eine Junior Position in den Staaten bewerben wollen? Gibt es da relevante Unterschiede im Bewerbungsprozess?

Praktikumsstellen sind nach wie vor recht einfach zu bekommen. Das Visa-System gibt Studenten und Trainees mit einem J1 Visum die Möglichkeit bis zu 12 Monaten in den USA zu bleiben. Es gibt auch einige Organisationen die dabei helfen. Bei Junior Design Positionen ist es etwas anders, und man braucht ein H1-B Visum. Dieser Visa-Prozess braucht länger, bedarf einiger Voraussetzungen bezüglich der Qualifikationen, und ist von einer Quote abhängig.
Ich empfehle definitiv professionelle Hilfe wenn es um ein H1-B Visum geht. Speziell wenn sich der zukünftige Arbeitgeber nicht darum kümmert.

Studio-Work_christian_freissler

6. Christian Freissler “the German”, Paul Backett “the Scotsman” und Chris Butler “the Englishman”… diese Namen habt ihr euch auf eurer Website genannt. Diese Spitznamen und euer Firmen-Slogan “a collaborative agency” zeigt ganz klar das ihr an Vielfalt und einen “multi-kulti Ansatz” glaubt. Wieso ist euch das wichtig? Welche Vorteile ergeben sich dadurch?

Vor Allem nehmen wir uns selbst nicht zu ernst! Es geht ja auch darum an seinem Beruf Spass zu haben. Evolve ist unsere Agentur, und wir repräsentieren zuerst unsere drei Persönlichkeiten, vor allem aber auch die unserer Angestellten, die wichtigste Komponenten dabei sind. Eine Agentur ist immer nur so gut, wie die Leute die darin arbeiten. Wir suchen nach Leuten die mit Leidenschaft arbeiten, hier im Studio und auch außerhalb. Und, wir mögen Leute die uns und sich selbst aus den der eigenen Wohlfühlzone herausholen.

 

7. Das Zusammmenführen von Leuten, Fähigkeiten und Designdisziplinen ist zur Zeit ein riesiges Thema. Ganz besonders seit Smartphones, Tablets, Smart Homes und auch autonomes Fahren immer mehr Teil unseren Alltags werden. Da drängt sich mir die Frage auf, ob eine klassische Trennung der traditionellen Designdisziplinen (Produkt, Transport, Mode, Grafik,…) heutzutage überhaupt noch Sinn macht? Was sind deine Erfahrungen damit? Brauch der Markt Experten oder Alleskönner?

Wir brauchen definitiv Alleskönner. Eben genau aus diesem Grund. Die traditionellen Disziplinen verschmelzen immer mehr und wir arbeiten interdisziplinär. So gesehen gibt es keine wirklichen Disziplinen in unserer Agentur. Wir sind im Geschäft Probleme kreativ zu lösen, und ich glaube das man diese Fähigkeiten auf so gut wie jedes Produkt, jeden Service oder jede Experience anwenden kann.
Jedoch gibt es auch viel Spezialisierung im Moment. Produktivität ist hierbei das Stichwort. Komplexe Projekte erfordern es, bestimmte Aufgaben an Spezialisten abzugeben um schneller Ergebnisse zu erhalten. 3D-Modelling oder UI-Prototyping sind hierfür gute Beispiele. Es macht keinen Sinn seine Designer mit Flächenqualität oder fehlerhafter Codierung zu beschäftigen, wenn Spezialisten diese Aufgabe schneller und besser bewältigen können.

8. Globale Agentur-Riesen (ideo, ziba, frog, teams, …) vs. Evolve. Es gibt schon sehr viele Design-Agenturen da draußen… Wie kam es, dass du und deine Partner euch dazu entschlossen habt, es trotzdem selbst zu versuchen?

Ich würde deine aufgezählten Beispiele nicht einmal „Agentur“ nennen. Dies sind viel mehr – wie du schon sagst – globale Beratungsdienstleister, die ihren Kunden dabei helfen komplexe Probleme zu lösen und deren Angebote, Geschäftsmodelle und Firmenkultur zu entwickeln. Etwas das wir auch tun. Aber der Unterschied ist, das wir eine andere Art von Beziehung mit unseren Partnern anstreben. Wir haben ein kleineres und agileres Team. Und wir suchen stets langfristige Engagements. Für viele unserer Partner sind wir eine Art Erweiterung des hauseigenen Innovations-Teams, das auch spontan eingreifen kann.

9. Vielen Dank das du dir die Zeit für dieses Interview genommen und uns diesen Einblick gegeben hast. Viele Leute, und auch eine Menge Designer, sind nicht bereit ihr Wissen zu teilen oder überhaupt über ihre Arbeit zu sprechen… weil sie „Angst“ davor haben ihren Vorsprung zu verlieren. Doch du unterrichtest als Professor sogar Studenten, „die zukünftige Konkurrenz“. Wie kommt das? Warum glaubst du das Wissensvermittlung wichtig ist?

Meine Partner und Ich glauben an das Open Source Prinzip. Uber Jahre hinweg, haben unsere Mentoren ihre Erfahrungen und Methoden mit uns geteilt. Das ermöglichte uns unseren eigenen Weg zu finden. Einer meiner größten Mentoren war Nick Roericht in Ulm. Für meine Partner war es Richard Seymour in London.
Jetzt ist es unsere Aufgabe dieses Wissen weiterzugeben. Das gilt für Studenten, Praktikanten, und auch Angestellte. Aber eben auch für unsere Kunden. Ausbildung ist ein wichtiger Teil von dem was wir bei Evolve machen. Es ist eine Möglichkeit unsere Kultur des „Serious Play“ zu vermitteln und junge Talente für die reale Welt da draußen zu begeistern.

10. Hast du noch irgendeinen Rat an all die jungen Designer da draußen, den du damals gerne selbst gehört hättest?

Mach so viele Praktika wie möglich. Hör nie auf zu Zeichnen. Sei Kontaktfreudig. Arbeite mit Anderen zusammen. Stehle wo es Sinn macht (Werkzeuge und Wissen). Hab Spaß. Und das wichtigste von Allem – sei kein Stinker!

An dieser Stelle möchte ich Christian nochmal für das Interview Danken und hoffe es hat allen Lesern gefallen und dem Einen oder Anderen auch weitergeholfen. Checkt auf jeden Fall die Homepage von Evolve und bereitet eure Bewerbungen vor.

Solltet ihr weitere Fragen haben, schreibt eine Nachricht oder hinterlasst einen Kommentar. Bleibt unermüdlich.

Leave Reply